Warum die Zeit des gegliederten Schulwesens vorbei ist

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Alle Menschen sind verschieden, alle Kinder also auch. Alle Menschen lernen auf unterschiedliche Weise, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit unterschiedlichen Vorlieben. Diese Verschiedenheit hat die Schulpädagogik immer vor große Probleme gestellt.

Schulpädagogische Antworten

Die Schulpädagogik kennt zwei große Konzepte, mit diesen Unterschieden umzugehen: Bildung homogener Lerngruppen einerseits, Individualisierung des Unterrichts andererseits.

  1. Bildung homogener Lerngruppen
    Damit fing schon Johann Amos Comenius im 17. Jahrhundert an. Ihm war wichtig, dass nicht nur die damaligen Eliten, Adel und Klerus, schulische Bildung erfuhren, sondern im Wortsinne alle Menschen. Daher entwickelte er eine Idee von auf das ganze Volk bezogener Bildung, eine erste Allgemeinbildung, er forderte „omnes omnia omnino excoli“, das heißt „alle alles in Rücksicht auf das Ganze zu lehren“, er forderte gleiche Bildungschancen für Mädchen, für sozial Schwache, für geistig Zurückgebliebene, ja sogar schon eine allgemeine Schulpflicht. Damit er die Vielzahl an Schülerinnen und Schülern organisatorisch bewältigen konnte, fasste er Gleichaltrige zu Jahrgangsklassen zusammen. In diesen Klassen waren manchmal mehr als hundert Schüler, die das gleiche zur gleichen Zeit lernen sollten und nach einem Jahr gemeinsam in die nächsthöhere Klassen wechselten.. Auch wenn diese Klassengrößen heute nicht mehr erreicht werden, hat sich die Vorstellung, dass die Schüler im gleichen Alter gleich und gleich gut lernen können bis heute erhalten; und wenn das Lernen nicht so gut klappt, muss man halt zu den Jüngeren, man „bleibt sitzen“. Nur einige Reformpädagogen verließen diesen Weg, im vergangenen Jahrhundert waren es zum Beispiel Maria Montessori und Peter Petersen, die etwa drei Jahrgänge zu flexiblen Gruppen zusammenfassten. In der letzten Zeit haben auch Nordrhein-Westfalens Grundschulen die Möglichkeit, die ersten Schuljahre zusammenzufassen – nicht nur, wenn die Schülerzahl für eine erste Klasse nicht ausreicht.
    Neben dem Alter fasste auch Comenius nach dem gemeinsam Lernen bis zum 12. Lebensjahr die Jugendlichen in zwei Gruppen: Die einen gingen in eine Lehre, die anderen zur Lateinschule und später auf die Universität. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es dann die Elementarschule und das Gymnasium, später kam die Realschule dazu. Man hatte die Vorstellung, dass man so der Arbeitswelt am ehesten gerecht werden könnte: Eine Führungsschicht, eine mittlere Führungsebene und diejenigen, die die einfachen Arbeiten ausführten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein unübersichtliches System an Schulformen, weil man immer feiner einsortieren wollte. Neben den Regelschulformen gab es Sonder- bzw. Förderschulen wie die Schule für Erziehungshilfe, die Schule für Sehbehinderte, die Schule für Blinde, die Schule für Körperbehinderte, die Schule für Lernbehinderte, für geistig Behinderte, für Taube, für Schwerhörige, für Kranke – um nur einige zu nennen.
    Wie fein man auch sortierte: Immer waren unterschiedliche Begabungen, unterschiedlich schnell lernende, unterschiedliche Lerntypen in einer Lerngruppe versammelt. Innerhalb der Regelschulformen wurde der Versuch gemacht, das Dilemma durch äußere Differenzierung zu beheben: In den ersten Hauptschulen gab es in den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik drei (statt der heute zwei) Leistungskurse – A, B, und C, wobei C die schwächsten Schüler versammelte. Die Erfahrungen hiermit waren so schlecht, dass man nach wenigen Jahren in Deutsch ganz auf eine äußere Differenzierung verzichtete, in Englisch und Mathematik auf zwei Stufen (E-Kurs und G-Kurs – „Erweiterungs-“ und „Grundkurs“).
  2. Individualisierung des Unterrichts
    Montessori und Petersen, aber nicht nur sie, waren es auch, die mit der Individualisierung des Unterrichts ernst machten. Bekannt sind die Montessori-Arbeitsmittel für die freie Arbeit, in der die Schüler ihren Lernstoff, ihr Material für den Unterricht auswählen können, dabei einem eigenem Tempo und dem für sie passenden Schwierigkeitsgrad folgen können. Die verschiedenen Sinne werden angesprochen, schließlich lernen die einen eher visuell, andere auditiv, wieder andere haptisch. Wie viele andere Bundesländer führte auch Nordrhein-Westfalen unter der Rüttgers-Regierung in das Schulgesetz im Paragraphen 1 die Zielsetzung ein: „Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Lage und Herkunft und sein Geschlecht ein Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung.“ PISA-Ergebnisse hatten nämlich gezeigt, dass es Hauptschüler gab, deren Leistungen bis weit in die gymnasialen Niveaus reichten, und umgekehrt Gymnasiasten auf Hauptschulniveau lernten. Dazu kamen zwei entscheidende Faktoren: Angesichts der mangelnden Prognosesicherheit der Grundschulgutachten wurde die Wahl der Schulform durch die Eltern zeitweise völlig frei gegeben, so dass hier eine Steuerung entfiel; außerdem verschoben sich die zahlenmäßigen Relationen zwischen den Schulformen massiv. Hatte die Volksschuloberstufe in den 50er Jahren Anteile von 70 Prozent eines Schülerjahrgangs und mehr, das Gymnasium kaum 10 Prozent, so sank bei den Volksschülern (Hauptschülern) der Anteil auf gut 10, der des Gymnasiums stieg auf über 40 Prozent. Das führte dazu, dass die Schülerschaften der Schulformen sich völlig anders zusammensetzten als bei ihrer Planung und Struktur gedacht.
  3. Fazit
    In jeder Schulform gibt es heterogene Lerngruppen, so dass man individuelle Förderung, also auf Begabung und Interessen des Einzelnen bezogene Lernprozesse, gestalten muss. Die Bildung homogener Lerngruppen hat sich als Utopie erwiesen. Die Vorreiter der Reformpädagogik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhren eine späte Renaissance.

Ein politischer Streit

Der Streit um ein gegliedertes versus ein integratives Schulwesen war immer auch ein politischer, nicht ausschließlich pädagogischer Konflikt. Das ist schon an der Weimarer Verfassung abzulesen, die den Besuch der für alle verbindlichen Grundschule festschrieb. Zuvor gab es Unterricht für privilegierte Kinder durch Hauslehrer oder in besonderen Schulen, die auf das Gymnasium vorbereiteten. Dies war nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr möglich, weil in der Grundschule alle Kinder des ganzen Volkes (Volksschule) zusammengeführt werden sollten. Prinzenerziehung ohne Kontakt zu allen gesellschaftlichen Schichten hatte ausgedient.

Gegliedertes Schulwesen ohne Trennschärfe

PISA-Untersuchungen haben gezeigt, dass das gegliederte Schulwesen keineswegs homogene Lerngruppen geschaffen hat. In den Hauptschulen gibt es Schüler, deren Leistungen ins gymnasiale Niveau reichen; manche Gymnasiasten bleiben hinter dem durchschnittlichen Hauptschüler zurück. Der SPIEGEL titelt am 11.12.2010: „Beste Hauptschüler können genauso gut lesen wie schlechte Gymnasiasten.“ Und ein trauriges Ergebnis zieht sich durch alle PISA-Untersuchungen: Die gesellschaftliche Stellung der Eltern ist für den Besuch der jeweiligen Schulform ausschlaggebend.

Zwei-Säulen-Modell

In der Bundesrepublik Deutschland geht der Trend in den meisten Bundesländern zu einem Zwei-Säulen-Modell, neben dem Gymnasium eine weitere Schule, die dann unterschiedliche Namen trägt: Gesamtschule, Stadtteilschule, Gemeinschaftsschule zum Beispiel. Zunächst hat es den Anschein, dass NRW hier ausschert, sieht doch der Schulkompromiss des letzten Jahres neben den bereits bestehenden vier Regelschulformen der Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule) noch eine weitere, die Sekundarschule, vor. Die tatsächliche Entwicklung führt aber offensichtlich innerhalb kurzer Zeit dazu, dass Haupt- und Realschulen weniger werden (wie in Gescher zu erwarten) und integrative Schulformen (Sekundarschule, Gesamtschule) zunehmen. Und im Förderschulbereich sorgt der Auftrag zu Inklusion ebenfalls für zusätzliche integrierende Impulse.