Gute Traditionen sterben mit den Hauptschulen.

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Das Schicksal der Hauptschulen ist offensichtlich besiegelt.

Die Hauptschule – eine Schulform, deren Lehrkräfte sich intensiv um ihre Schüler und um Innovationen für sie gekümmert haben: Schülerbetriebspraktikum, Projektarbeit, Anwendungsorientierung, Berufsvorbereitung – das sind nur einige Stichworte für die Entwicklung einer schülerorientierten Schule. Wer sich auf der Website der Bezirksregierung Münster umschaut, kann an den Zuständigkeiten in der oberen und unteren Schulaufsicht ablesen, wie weit diese Schulform abgeschrieben ist. Waren in den 90-er Jahren zwei Dezernenten der Bezirksregierung Münster für die Hauptschulen im Regierungsbezirk zuständig, ist es heute nur noch eine Dezernentin, die zudem die obere Schulaufsicht für alle Verbundschulen und für die Realschulen im Kreis Coesfeld ausübt. Waren im Jahre 2000 zwei Schulräte im Kreis Borken als untere Schulaufsicht für die 28 Hauptschulen eingesetzt, so ist heute umgekehrt eine Schulrätin für die Hauptschulen zweier Kreise zuständig, nämlich für Borken und Coesfeld. Und das ist kein Einzelfall, auch Bottrop und Gelsenkirchen teilen sich einen Schulrat. Dabei ist zu bedenken, dass die Zahlen der Hauptschulen mit Sicherheit noch weiter drastisch abnehmen werden; schließlich nehmen etliche als auslaufende Schulen keine Kinder mehr auf.

Die Matheknobelei hört auf.

1999 hatten einige engagierte Lehrerinnen und Lehrer aus dem Regierungsbezirk Münster die Idee, einen Mathematik-Wettbewerb für die Hauptschulen ins Leben zu rufen. Für andere Schulformen gab’s das schon, aber Hauptschule, Hauptschüler und Mathematik hatte noch niemand zusammengebracht. Paula Rose, Sybille Grüner, Gertrud Geukes und Hermann Schmid sind die Namen einiger Protagonisten der ersten Zeit. Aus der Schulaufsicht begleitete ich die Arbeit dieser Gruppe. In den ersten Sitzungen wurden einige Rahmenbedingungen festgelegt: Zielgruppe waren die Hauptschüler aus den Klassen 5 und 6 im Regierungsbezirk Münster; der Wettbewerb wurde in drei Stufen durchgeführt – auf der Ebene der Einzelschule, auf Kreisebene und auf Regierungsbezirksebene. So wurden Jahr für Jahr etliche tausend Schülerinnen und Schüler beteiligt.

Sie beschäftigten sich mit Mathematik, sie knobelten, rieten, probierten, experimentierten, überlegten – und hatten Spaß daran.

Für Irritation unter den Lehrkräften, aber nicht nur unter diesen, sorgte eine Besonderheit: Nicht einzelne Schüler, sondern Teams von je vier Schülern traten an. Und außerdem: Die Aufgaben wurden eher durch Nachdenken und kreative Ansätze gelöst als durch Rechentechniken.

Hier ein Beispiel:

 

Quelle: www.matheknobelei.de

Ich kann mich erinnern, dass ich im Rahmen einer Dienstbesprechung der für Hauptschulen zuständigen Schulräte mit massiven Vorwürfen konfrontiert wurde, die Aufgaben seien zu schwer; waren sie aber nicht, denn die Zusammenarbeit der verschiedenen Begabungen in der Kleingruppe erwies sich als Königsweg für gute Lösungsansätze. Und wollten und wollen wir nicht in der Schule Sozialkompetenz fördern? Sind im Alltag, in der Politik, im Beruf, im Verein nicht Zusammenarbeit und Miteinander gefordert?

Wer weitere Aufgaben erproben will, kann sie auf der Website www.matheknobelei.de finden. Hier sind alle Aufgaben aus der Geschichte des Wettbewerbs zusammengetragen. – Testen Sie, ob Sie mit vier zehn- oder elfjährigen Hauptschülern mithalten können. Ich kenne etliche Erwachsene, die zunächst beim Begriff „Hauptschule“ die Nase rümpften und dann kläglich an diesen Aufgaben scheiterten.

Ein gemeinnütziger Verein wurde gegründet, „Matheknobelei e.V.“; Sponsoren und Spender wurden gefunden, und so konnten auch die Preise und weitere Kosten finanziert werden.

Die jeweilige Endrunde war immer ein Highlight. Sie fand in der Schule statt, die im Vorjahr Sieger geworden war. Mit ihren Lehrerinnen und Lehrern fuhren die Jungen und Mädchen los, wurden bewirtet, erlebten einen Zauberer oder eine andere Besonderheit in der Wartezeit, in der die Aufgaben gelöst wurden, und warteten gespannt auf die Siegerehrung.

Schade, dass der Verein sich jetzt – mit Beschluss vom 7. Januar 2014 – aufgelöst hat. Aber – es gibt einfach zu wenig Hauptschulen im Regierungsbezirk, und von denen, die es gibt, hat längst nicht jede noch eine 5. oder 6. Klasse – denn viele der noch existierenden Hauptschulen laufen aus.

Das Ende der Hauptschule ist auch das Ende der Volksschule.

Die Hauptschule hat wie die Grundschule die Nachfolge der Volksschule angetreten; diese beiden Schulformen haben dabei auch das methodische und didaktische Erbe angetreten. Die positiven Traditionen, die methodische Vielfalt und die Wertschätzung der Didaktik sind erhaltenswert. Sie können eine Bereicherung sein, wenn sie Eingang in die Praxis der neuen Schulen finden. Die Hauptschulen mögen verschwinden, die Kinder, die in den verschiedenen Jahren ihre Klientel bildeten, verschwinden nicht. Gerade die Schwächeren sind der Mühe wert, wenn schon nicht aus ethischen, dann aus ökonomischen Motiven.