Wernher von Braun und Giovanni Don Bosco – zwei Namen wurden Anfang der 80-er Jahre vergeben.

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Es macht schon einen Unterschied, ob ein Heiliger oder ein Kriegsverbrecher als Namensgeber gefragt wird: Giovanni Don Bosco brauchte in Gescher vor etwa vierzig Jahren deutlich länger als Wernher von Braun. Über ersteren wurde lange diskutiert, der letztere wurde durchgewunken.

Zunächst Don-Bosco-Schule

Erster Durchgang

Eine kleine Zeitreise: Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre ist ein lebensälterer Priester, Karl Bayer, Kaplan in Gescher (später Pfarrer in Oeding). Er vertritt die beiden katholischen Pfarrgemeinden Geschers im Schulausschuss. Wodurch auch immer ausgelöst – er widmet sich einem seit zehn Jahren nicht gelösten Problem, der Namensgebung der Gemeinschaftshauptschule der Stadt Gescher. Schon 1976 hat diese Schule, einzige Hauptschule in Gescher und eine der größten des Landes NRW, einen Antrag an die Stadt gerichtet, ihr doch bitteschön einen Namen zu geben, zum Beispiel Hamaland-, Freiherr-vom-Stein-, Don-Bosco-, August-Wessing- oder Heinrich-Hörnemann-Schule. Auf Wunsch des Schulausschusses vom 2. November 1977(!) wird das Lehrerkollegium ebenso wie die Schülermitverwaltung in die Namensberatung einbezogen. Die Schülervertretung votiert für Don-Bosco-Schule, die Lehrervertretung setzt den Heiligen im Mittelfeld auf den dritten Platz.
Dies teilt der Schulleiter am 16. Januar 1978 mit; schon ein Jahr später, am 30. Januar 1979, wird das Thema im Schulausschuss behandelt, obwohl die Verwaltung aus verschiedenen Gründen nicht dafür ist. Kaplan Bayer, beratendes Mitglied, formuliert nun das Votum der Schülerschaft als Antrag. Mit 6 Ja-, 2 Neinstimmen und einer Enthaltung beschließt der Schulausschuss, dem Rat zu empfehlen, die Gemeinschaftshauptschule Don-Bosco-Schule zu nennen. Im Hauptausschuss schon können sich die Fraktionen nicht einigen und setzen den Prozess aus. Karl Bayer schreibt dazu:

„Eine […] SPD-Abgeordnete lässt die Katze aus dem Sack: Ein interfraktionelles Abkommen setzt das Verfahren aus. Man befürchte wegen eines katholischen Schulnamens zum gegenwärtigen Zeitpunkt Verluste in der Wählergunst. Mit vorgehaltener Hand wird aus der CDU-Fraktion dies bestätigt: Eine Schultaufe sei derzeit politisch hochexplosiv.“

Zweiter Durchgang

Die Leitung der Hauptschule wendet sich im Mai 1980 an den Rat mit der Bitte, „unverzüglich über die Namensgebung zu entscheiden.“ Mit Schreiben vom 8. Juli 1980 stellt Kaplan Bayer erneut einen Antrag auf Namensgebung zur „Don-Bosco-Schule“, diesmal an den Rat gerichtet, der alles auf Anfang stellt. Ein Bürgerantrag plädiert für „Geschwister-Scholl-Schule“.
Es geht also beim Schulausschuss wieder los. Der spricht sich mit 6 Ja-, 4 Neinstimmen und einer Enthaltung für den Namen „Don-Bosco-Schule“ aus. Ohne weitere Verzögerung geht es jetzt in den Hauptausschuss. Dort stimmt die CDU-Fraktion mit 6 Stimmen für den Antrag, SPD und FDP stimmen mit zusammen 3 Stimmen dagegen, der Zentrumsabgeordnete enthält sich der Stimme. Die CDU verweist auf Eltern- und Schülerwillen, die SPD hält den Pflichtnamen „Gemeinschaftsschule Gescher“ für angemessen, da er die Interessen aller Konfessionen berücksichtige; der Fraktionsvorsitzende der FDP meint, nach Don Bosco könne man ein Kloster, aber keine Schule benennen.
Vor der Ratssitzung erscheinen Leserbriefe aus CDU, SPD und FDP, von den beiden Letzteren gegen die Umbenennung in „Don-Bosco-Schule“.  Unter anderem wird wieder auf die „Gemeinschafts“-Funktion der Gemeinschaftsschule hingewiesen. Im Rat wird die Diskussion kontrovers weitergeführt. Mit den Stimmen der CDU, gegen 12 Nein-Stimmen bei einer Enthaltung, passiert Bayers Antrag am 29. Oktober 1980 den Rat. Am 31. Oktober schreibt die Gescherer Zeitung: „Nach kontroverser Diskussion: ‚Don-Bosco-Schule‘“.
Ganz zu Ende ist die Angelegenheit damit noch nicht. Mit über 40 Unterschriften erreicht ein Bürgerantrag den Bürgermeister, den Beschluss vom 29. Oktober zu überdenken. Der Name Don Boscos betone eine einseitige Ausrichtung des katholischen Bildungswillens. Mit dem gleichen Stimmenverhältnis wie beim Antrag Bayers weist der Hauptausschuss eine erneute Behandlung des Themas ab. Dem folgt auch der Rat im Januar 1981.

Von der Realschule war in dem ganzen Zusammenhang fast nie die Rede. Sie blieb die Städtische Realschule Gescher.

 

Karnevalshochburg Gescher

Und dann war da noch der Karnevalsumzug 1981: Das Kollegium der Schule fährt auf einem Wagen mit, der die Aufschrift trägt:

Von hoher Stelle ruft ein Bayer:
„Den Geist der Schule ich erneuer.“
Die Schule hat nun einen Namen.
Don-Bosco heißt sie: Amen! Amen!

Das war nun wirklich der Schlusspunkt.

Josef Sicking blickt weit in die Zukunft.

Der Stadtverordnete Josef Sicking bewies in der Hauptausschusssitzung prophetische Gaben. Die Gescherer Zeitung berichtete am 16. Januar 1981:

„CDU-Stadtvertreter Josef Sicking forderte, dass der gefasste Ratsbeschluss akzeptiert werden sollte. Bei der Namensgebung für Straßennamen könnten ähnliche Probleme auftreten, meinte Sicking weiter.“

Das verwies dann schon ins Jahr 2016.

Und nun zur Wernher-von-Braun-Straße

Womit wir also bei Wernher von Braun, der nach ihm benannten Straße und meinem Antrag zur Umbenennung dieser Straße wären.
Hier können wir uns kurzfassen: Nur wenige Tage nach der zuletzt erwähnten Hauptausschusssitzung, nämlich am 28. Januar 1981, geht es im Bau- und Planungsausschuss um die Benennung von Straßen in Gewerbegebieten. Ein Unterausschuss erarbeitet einen Vorschlag mit Wernher von Braun und etlichen anderen Pionieren, die teils ebenso wie dieser NS-belastet sind. Es kommt auch nicht annähernd zu Diskussionen wie bei der Benennung der Hauptschule.

Merke: Einen Heiligen ins Schulschild zu bekommen war viel schwerer und dauerte sehr viel länger als einen Kriegsverbrecher auf das Straßenschild.

Mein Vorschlag: Lasst die Finger von Personennamen bei solchen Benennungen. Ganz selten taugen ihre Träger als Vorbilder, und wenn, dann haben die Schulen meistens nicht viel davon. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage, dass ein Bezug auf den zweifelsohne verdienstvollen Priester Giovanni Don Bosco in der Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule keine nennenswerte Rolle spielte. Ebenso wenig wird Wernher von Braun den Anliegern „seiner“ Straße in irgendeiner Weise Intuition verliehen haben.
Bleibt noch anzufügen: Ich halte die Argumente der Gegner der Benennung einer Gemeinschaftsschule mit einem konfessionellen Schwerpunkt für durchaus seriös.