Nico Semsrott und „Sophies Unterwelt“ (und ich)

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Foto: Harald Bischoff (Wikipedia)

Nico Semsrott

Nico Semsrott ist ein bekannter Kabarettist. Wir sehen ihn in der heute-show, bei Dieter Nuhr und Urban Priol und freuen uns an seinen Auftritten als „depressive Kunstfigur“ (wie Wikipedia im Eintrag über ihn schreibt). Diese Figur hat offenbar einen ernsten Hintergrund: „Nico litt als Jugendlicher unter Depressionen“, schreibt der Deutschlandfunk zu einem Gespräch mit Nico und seinem Bruder Arne Semsrott. Bis 2005 waren die beiden Schüler der Sophie-Barat-Schule, der „Sophie“ wie sie von ihren Schülerinnen und Schüler fast liebevoll genannt wird.

Sophie-Barat-Schule

Die Sophie-Barat-Schule ist ein großes Gymnasium in Hamburg, eine der 21 katholischen Schulen. Sie ist hoch angesehen und sehr nachgefragt. In der BILD-Zeitung wird sie schon mal als „katholische(s) Elite-Gymnasium“ geführt. Bei den Anmeldungen von Fünftklässlern gibt es lange Wartelisten.

Über lange Jahre wurde die Schule von Isa Vermehren geleitet, einer Ordensfrau, die bundesweit durch das „Wort zum Sonntag“ bekannt wurde, an dem sie etliche Jahre als Sprecherin und Autorin mitwirkte. Nach einer Zeit in „Sippenhaft“ im KZ konvertierte sie von der evangelischen zur katholischen Konfession und trat in die „Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu“ ein, ein Orden, der auch Lehrerinnen für die Schule stellte, die den Namen der Gründerin Sophie Barat trug. Auch ihre Nachfolgerinnen in der Schulleitung waren bis vor wenigen Jahren Nonnen des Sacré-Cœur-Ordens, wie er in seinem Ursprungsland Frankreich heißt.

Ein Konflikt um Sophies Welt und Sophies Unterwelt

Ich war noch relativ frisch im Amt des Schuldezernenten der katholischen Schulen in Hamburg, als ein Thema aus der Sophie-Barat-Schule zuerst mich und später die Öffentlichkeit erreichte. Es ging um die von einem Beratungslehrer begleitete Schülerzeitung Sophies Welt (so genannt in Anlehnung an das bekannte Buch von Jostein Gaarder). „Laut Nico Semsrott, damals Redakteur und seit Donnerstag Absolvent der Sophie-Barat-Schule, kam es irgendwann zu einem Streit, wer das letzte Wort haben sollte.“ (Quelle: „Pressekrieg um ‚Sophies Unterwelt‘“.) 

Der Streit eskalierte 2004; das Hamburgische Schulgesetz gewährte Schülerzeitungen volle Pressefreiheit, die Schulordnung der katholischen Schulen Hamburgs sah das allerdings nicht vor. Eine Schülergruppe gründete und produzierte daraufhin Sophies Unterwelt ohne die Begleitung durch einen Lehrer. Die Redakteure dieser Alternative wollten eine „unabhängige Schülerzeitung, genauso wie an staatlichen Schulen auch.“  (Quelle: www.sophiesunterwelt.de)

Ein Dixi-Klo bekommt eine tragende Rolle.

Aber: „Die Schulleitung verbat sich den Verkauf von ‚Sophies Unterwelt‘ auf dem Schulhof.“ („Pressekrieg um ‚Sophies Unterwelt‘“. SPIEGEL Online vom 1. Juli 2005) Dazu hatte sie das Recht, die Regelung im staatlichen Schulgesetz galt für die Privatschule nicht. Sophies Unterwelt wurde gleichwohl produziert. Die dritte Ausgabe wurde folgerichtig außerhalb des Schulgeländes – aus einem Dixi-Klo heraus – verkauft. Nicos Bruder Arne Semsrott berichtet:  Für die dritte Ausgabe haben wir vor der Schule ein Dixie-Klo organisiert; und zwar hatte Nico sogar alle rechtlichen Unwägbarkeiten schon angeguckt und hatte das dafür sogar offiziell beim Grünflächenamt, glaube ich, der Stadt Hamburg angemeldet. Wir hatten also sogar die Genehmigung dafür, ein Dixie-Klo aufzustellen und haben dann unter dem Motto ‚Schülerzeitungsverbot – da scheißen wir drauf‘ aus diesem Dixie-Klo die Schülerzeitung verkauft.“ (Quelle: Deutschlandfunk, s.o.)

Die Medien (NDR, SPIEGEL, STERN, ZEIT und mehr) griffen die Ereignisse auf und berichteten bundesweit über den Konflikt. Die damals oppositionelle SPD beantragte eine Sitzung des Schulausschusses der Hamburger Bürgerschaft, die am 1. November 2005 unter der Leitung von Marino Freistedt (CDU) stattfand. Ich wurde zu der Sitzung geladen und nahm mit unserem Rechtsanwalt teil. Zielsetzung der Antragsteller um Britta Ernst (SPD), heute Ehefrau von Olaf Scholz, war eine Änderung des Gesetzes über Schulen in freier Trägerschaft. Es sollte auch den Privatschulen die uneingeschränkte Pressefreiheit für Schülerzeitungen auferlegen. Das Ergebnis: Alles blieb beim Alten; aus verfassungsrechtlichen Gründen war eine solche Änderung des Gesetzes nicht möglich.

Preise für Sophies Unterwelt

Dennoch gehörten die Sympathien der Öffentlichkeit Nico Semsrott und seinen Mitstreitern; sie erhielten im Jahr 2006 den „Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage“. Sophies Unterwelt gewann außerdem 2005 den 1. Platz im Hamburger Regionalausscheid des Schülerzeitungswettbewerbs des Bundespräsidenten. (Vgl. Bericht im STERN

Die Rahmenschulordnung des Katholischen Schulverbands haben wir anschließend geändert; sie erhielt diese Fassung zur Regelung der Schülerzeitungsfrage:

§ 11
Schülerzeitungen

Schülerzeitungen und Flugblätter, die von Schülerinnen oder Schülern herausgegeben werden, dürfen auf dem Schulgrundstück verbreitet werden. Die verantwortlichen Redakteurinnen oder Redakteure können sich von der Schule beraten lassen. Schülerzeitungen und Flugblätter unterliegen den gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere dem Presse-, Urheber- und Datenschutzrecht. Vor dem Druck einer Ausgabe der Schülerzeitung oder des Flugblattes wird der Schulleiterin oder dem Schulleiter ein Exemplar übergeben. Ist diese oder dieser der Meinung, dass Teile des Inhaltes die Zielsetzung der Schule gefährden, sucht sie oder er mit den  verantwortlichen Redakteurinnen oder Redakteuren eine einvernehmliche Lösung.
Sollte keine Einigung zustande kommen, untersagt sie oder er vorläufig die Verbreitung und legt dem Schulträger den Vorgang zur endgültigen Entscheidung vor.