Hochbegabung I

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Grafik: Institut für das begabte Kind

Was ist „Begabung“?

Schon seit einer Reihe von Jahren gibt es immer wieder Dokumentationen und Diskussionen über hochbegabte Menschen, über ihre Kompetenzen und ihre Probleme. So widmet auch der SPIEGEL aktuell der Thematik einen ausführlichen Artikel. – Da bei diesen Publikationen immer wieder Kinder und Schule eine herausragende Rolle spielen, wird es Zeit, dass wir uns hier einmal der Sache annehmen und ein wenig Ordnung schaffen.

Zunächst muss klar sein, dass „Begabung“ auf vielen Gebieten möglich ist, die Verengung auf die „Intelligenz“ also zu kurz greift. Begabung gibt es im Sport, in der Musik, in der Kunst, in der Sprache, in verschiedenen Berufsfeldern, im sozialen Verhalten – eigentlich auf allen Feldern, in denen eine Leistung festgestellt werden kann.

Der Lernpsychologe Heinrich Roth hat sich auf dem Gebiet der Begabungsforschung sehr hervorgetan. Von ihm stammt eine häufig zitierte Definition, nämlich Begabung „als die Fähigkeit zu lernen, und zwar innerhalb der Verhaltens- und Leistungsformen unserer Kulturbereiche“ (Roth 1963, S. 145). Das heißt, vereinfacht ausgedrückt, dass Begabung sich als Fähigkeit zeigt, in einem bestimmten Gebiet zu lernen.

Eine Begabung erfordert in der Regel ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, zum Beispiel von Intelligenz, Gedächtnis, Gefühl für Rhythmus, Fähigkeit Tonhöhen zu unterscheiden, Geschicklichkeit der Hand und mehr, wenn es darum geht, das Klavierspiel zu erlernen. Auch die Lernmotivation und andere emotionale Faktoren spielen eine Rolle. Roth ist der Urheber des dynamischen Begabungsbegriffs, der davon ausgeht, dass man Begabung nicht unveränderlich hat, sondern im Zusammenspiel von Anlage und Umwelt erwirbt, auch im Laufe des Lebens wieder verlieren kann. Anlagen sind für ihn nichts Festes, Starres, sondern nur potentielle Fähigkeiten.

Was ist Intelligenz?

Unter Intelligenz versteht Roth die Fähigkeit, mit neuartigen Situationen „erfolgreich fertig zu werden“ (Roth 1963, S. 129). Und den Unterschied zwischen Intelligenz und Begabung beschreibt er so:

Wir wollen unter Intelligenz das verstehen, was der Intelligenztest misst, also die spezifische Anfangsleistung neuartigen Aufgaben gegenüber, und wir wollen unter Begabung die gesamte Lernfähigkeit in einem kulturellen Leistungsbereich verstehen. (Roth 1963, S. 143)

Wer hat nicht schon von dem Verein Mensa gehört, der nur Mitglieder aufnimmt, die in einem Test nachweisen, dass sie intelligenter als 98 Prozent der Bevölkerung sind, also einen Intelligenzquotienten von 130 oder mehr haben. (Ein IQ von 100 bedeutet, durchschnittlich intelligent zu sein.) Nun ist das wirklich nicht so elitär oder selten, wie sich das anhört. Nehmen wir einmal Gescher, eine Kleinstadt von ca. 18.000 Einwohnern. 2 % von 18.000 = 360, also sind unter allen Einwohnern Geschers 360 Menschen zu erwarten, deren IQ 130 übersteigt. Wenn Sie also demnächst eine größere Zahl von Gescheranern sehen – in der Kirche, im plattdeutschen Theater oder bei anderen Gelegenheiten – überschlagen Sie einmal die Anzahl, rechnen 2 % aus und schauen sich um. Im Theater- und Konzertsaal mit 400 Plätzen  wären immerhin 8 Anwärter auf die Mitgliedschaft bei Mensa. In der Gesamtschule Gescher mit derzeit etwa 600 Schülern wären es vielleicht 12. (Da trifft es sich gut, dass Geschers Gesamtschule als einzige aus dem Regierungsbezirk Münster bei einem Pilotprojekt des Landes zur Förderung besonders begabter Kinder dabei ist.)

Der Verein Mensa in Deutschland e. V. bezeichnet sich selbst als Netzwerk für Hochbegabte. Wir wissen aber nun, dass ein hoher Intelligenzquotient wenig über eine Hochbegabung aussagt. Intelligenz ist ein vielfach notwendiger, aber keineswegs hinreichender Baustein für eine Hochbegabung. Also wäre es wohl richtiger, wenn Mensa sich als Netzwerk intelligenter Menschen bezeichnen würde.

Natürlich ist dies eine kurze, stark vereinfachte Zusammenfassung. Nach dem Entstehen der Werke von Heinrich Roth stand die Forschung nicht still. Auch die Neurologie hat sich in letzter Zeit intensiv mit diesen Fragen befasst. – Für unsere Zwecke reicht diese Information aber. Soviel also zunächst zu den Grundlagen, im nächsten Abschnitt nähern wir uns der Frage nach der „Hochbegabung“ im pädagogischen, speziell schulpädagogischen Zusammenhang.


Quellen

Roth, Heinrich: Wir müssen Intelligenz und Begabung unterscheiden. In: Pädagogische Psychologie des Lehrens und Lernens. Hermann Schroedel Verlag, 7. Aufl. 1963

https://www.mensa.de/netzwerk-fuer-hochbegabte/ – aufgerufen am 27.12.2017