Erinnerungen des Winfried Pielow aus Tungerloh

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Es war irgendwann im Jahre 1964, als ich bewusst den Ortsnamen Gescher las, auf der Rückseite des Buches Dichtung und Didaktik von Winfried Pielow. Dieser war im Jahre 1924 in der Bauernschaft Tungerloh-Pröbsting, heute ein Teil von Gescher, als Sohn des dort tätigen Landschullehrers August Pieletzki geboren.
Bei Professor Pielow nahm ich während meines Studiums an der Pädagogischen Hochschule in Münster an Veranstaltungen zur Fachdidaktik Deutsch teil, zum Beispiel an der Vorlesung Das Gedicht im Unterricht. (Mit demselben Titel erschien später ein Buch.)

Am 22. Februar 1965 hielt Winfried Pielow einen Vortrag in der Pädagogischen Hochschule in Münster zum Gedenken an die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Zu dieser Rede hatte der AStA, dem ich angehörte, ihn verpflichten können. Das Thema lautete: „Kategorischer Imperativ – Hochverrat. Rede zum Gedächtnis von Willi Graf“. Dieser war am 12. Oktober 1943 hingerichtet worden, die Geschwister Scholl bereits am 22. Februar desselben Jahres.
Wir luden Winfried Pielow anschließend zu einem gemeinsamen Essen im „Kaiserhof“ ein, bei dem die Möglichkeiten der Veröffentlichung seines Vortrages ausgelotet wurden.

Irgendwann 1966 saß ich ihm gegenüber: Er prüfte mich im Fach Didaktik der deutschen Sprache; ich musste für das Erste Staatsexamen einen Übungsschein vorweisen. Volksschullehrer waren damals Zehnkämpfer, sie waren in erster Linie Klassenlehrer, nicht Fachlehrer. Oder, wie manche es ausdrückten, sie unterrichteten Kinder, nicht Fächer.

„Pieletzkis“ Erinnerungen

Das Cover von Pieletzskis Erinnerungen

In diesen Tagen, ein Jahr nach seinem Tod 2018 in Nordwalde, lese ich sein Erinnerungsbuch Pieletzkis Erinnerungen an die ersten Nachkriegsjahre. (Pieletzki war der Name der Familie, bevor sie sich in Pielow umbenannte.) Er hat es 2017 veröffentlicht. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es nicht nur um die Nachkriegsjahre; immer wieder blendet er zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Und dabei nennt er Ross und Reiter, wenig fiktionalisiert, Klartext.

Fräulein Thaddey und der 9. November 1938

Das trifft zum Beispiel „Fräulein Thaddey“, von der ich Ende der 60-er Jahre im Lehrerzimmer der Pankratiusschule aus dem Munde älterer Kolleginnen und Kollegen noch erzählen hörte. Was Pielow hier schreibt, zitiere ich wörtlich:

Die Rede war in dieser Zeit oft von „einem Braunen“ oder fataler noch von „einer Braunen“, beispielsweise von dem Fräulein Thaddey. Diese Lehrerin an der Förderstufe in Gescher, die uns, meine beiden Brüder und mich, auf das Gymnasium vorbereiten sollte, erhitzte sich im Unterricht mit ihren geifernden Monologen. Sie roch nach Schweiß, sie hatte schillernde, nasse Flecken unter den Armen, die sich randscharf hervorhoben, wenn sie den rechten Arm zum Hitlergruß erhob, und das tat sie dauernd. …

Pieletzkis Erinnerungen an die ersten Nachkriegsjahre. buch&media, München 2017. S. 31

Die Lehrerin soll sogar – so Pielow in diesem Buch an gleicher Stelle – Schülern im Zusammenhang mit dem Pogrom 1938 erlaubt haben, die Schaufensterscheibe des Juden Julius Stein einzuwerfen.
Die Förderstufe, von der hier die Rede ist, war als gehobene Abteilung eine Art Progymnasium zur Vorbereitung auf den Besuch des Gymnasiums; später erwuchs daraus die Realschule in Gescher. Geleitet wurde diese Fördereinrichtung vom Rektor der Volksschule, Dr. Hans Hüer, in Personalunion. Die Pankratiusschule, die von 1933 bis immerhin 1956 Hindenburgschule hieß, feierte 1985 das 75-jährige Jubiläum. Sie schreibt aus diesem Anlass in ihrem Rückblick auf die Jahre 1910 bis 1985 zum Nationalsozialismus nur wenige Sätze, zum Schicksal jüdischer Kinder gar nichts, zur Haltung von Lehrkräften und Schulleitung in der NS-Zeit ebenfalls kein Wort:

Einen „Wendepunkt“ erfährt die deutsche Geschichte 1933 durch den Sieg des Nationalsozialismus. Ein „Umbruch“ vollzieht sich im deutschen Volk und macht sich auch in der Schule bemerkbar.

Pankratiusschule Gescher. 1910 – 1985. S. 19

Was die Stimmung in Gescher gegenüber den jüdischen Mitbürgern in dieser Zeit – Pogrom am 9. November 1938 – angeht, schreibt Martin Wissen unter Verweis auf Aussagen von Gescheranern:

An den jetzt einsetzenden Ausschreitungen waren auswärtige und ortsansässige SA-Männer beteiligt. In Gescher waren die Familien Julius Stein und Jonas Marx von den Übergriffen betroffen.

Wissen, Martin: Ent-deckte Zeichen. Heimatbuch Gescher Bd. 6. Hrsg. Heimatverein Gescher e. V. , o. J (1988). S. 68

Und dass auch Kinder sich mit Spottversen an der Ausgrenzung beteiligten, beschreibt Wissen ebenso (S. 76) wie die selbstlose Unterstützung von Juden durch Nachbarn, von denen einige dafür bestraft wurden (S. 75). Andere Mitbürger beleidigten nach den Recherchen des Autors Juden, zerstörten ihr Eigentum, indem sie Scheiben einwarfen, sogar eine Wasserpumpe demolierten, und mieden den Kontakt zu ihnen (S. 74 f).
Wissens Ausführungen und Belege unterscheiden sich von dem Bericht des kommissarischen NSDAP-Ortsgruppenleiters Kreulich, den dieser nach dem Krieg schrieb. In der jüngeren Veröffentlichung zitiert Willi Wiemold ihn im Kapitel „Kristallnacht“:

Zuerst muss gesagt werden, dass sich kein Gescherer Bürger an der Judenaktion beteiligt hat. Als man am anderen Morgen hörte, was geschehen war, war man empört.

Wiemold, Willi: Gescher im 20. Jahrhundert. Die Jahre 1931 bis 1950 in Bildern und Berichten. Selbstverlag des Autors. Gescher 2015. S. 66

Es war aber wohl auch in der Nacht nicht zu überhören, was den Nachbarn angetan wurde. Das Klirren der zerbrochenen Fensterscheiben, das Weinen der Kinder, das Geräusch der Einrichtungen, die auf die Straße geworfen wurden …

Wiemold kommentiert oder korrigiert die Aussagen Kreulichs nicht. Er sieht die Verantwortung beim Staat, zuvörderst bei Goebbels:

Als der Diplomat [aus der deutschen Botschaft in Paris] am 9. November starb, war das für den Propagandaminister Goebbels mit wahrscheinlicher Rückendeckung Hitlers der willkommene Anlass, das Halali zu blasen. Überall im Land kam es zu organisierten („spontane Volkswut“ hieß es offiziell) Angriffen auf jüdische Gebetshäuser und Geschäfte. Die Bevölkerung war entsetzt, zum Protest aber war es zu spät. Die Verbrecher hatten längst den Staat übernommen.

ebenda, S. 66

Dieses Argumentationsmuster – hier die unschuldige Bevölkerung, dort die Verbrecher, in deren Hände der Staat irgendwie geraten sei – ist falsch. Die Bevölkerung im Dritten Reich war nicht ohne Mitschuld; die Nationalsozialisten waren in freien und geheimen Wahlen trotz ihres gewalttätigen Auftretens und offensichtlich antisemitischen Programms gewählt worden. Die Folterknechte der Gestapo und der SS, die Soldaten der Erschießungskommandos, die Wächterinnen und Wächter in den KZs waren vorher und viele auch später wieder biedere Bürger.
Auch in Gescher waren in der sarkastisch so genannten „Reichskristallnacht“ und später nicht nur auswärtige Täter am Werk, wie Wissen belegt hat.

Hilfe in Tungerloh

Nun aber wieder zurück zu den Pielows.

Die vielen Vertriebenen und Flüchtlinge waren nach dem Krieg nicht alle wirklich willkommen. Über das eigene Schicksal als Vertriebener in Tungerloh schreibt Pielow aber, dass seine Eltern und er selbst unmittelbar nach dem Krieg in Tungerloh viel Unterstützung erfuhren: Schulze Scholle, Paskert, Grösbrink, „die Ruthmanns am Gabelpunkt“ und etliche andere werden als freigebig und hilfreich beschrieben.

Die Eltern waren in Westpreußen geboren, trafen sich nach Erstem Weltkrieg und Gefangenschaft des Vaters in Haltern, wo sie 1921 heirateten. August Pieletzki ließ sich in Tungerloh-Pröbsting als Landlehrer nieder, dort wurden auch die drei Söhne Winfried, Elmar und Ludger geboren. Der Vater wurde 1941 innerhalb Preußens von Gescher nach Bönhof – in seine alte Heimat – versetzt. Gegen Kriegsende waren die drei Söhne eingezogen, der jüngste mit 15 Jahren, und die Eltern flüchteten getrennt in den Westen – nach Tungerloh-Pröbsting. Der älteste Sohn Winfried traf bereits im Sommer 1945 nach kurzer britischer Gefangenschaft dort ein. Erst fünf Jahre später schafften es auch die beiden jüngeren Brüder.
Winfried Pielow, der als erster der Familie ankam, fand Arbeit als Landarbeiter bei Schulze Scholle, die Mutter wurde von Paskerts aufgenommen, als sie in Tungerloh eintraf. Die dreiköpfige Familie wurde in mancherlei Hinsicht von Hubert Grösbrink unterstützt und zog mithilfe der „Ruthmanns vom Gabelpunkt“ in eine leerstehende Jagdhütte, da die Lehrerwohnung belegt war.

Besonders Anton Ruthmann jr. – „Tönne“ – hat es Winfried Pielow angetan, den er „findig“ nennt. (Schon bald wird dieser Niederflurhubwagen und Ruthmann-Steiger konstruieren.) Tönne Ruthmann wird auch initiativ, um den Vater August Pielow wieder in seinen Lehrerberuf zu bringen. Hier der Bericht darüber:

[Tönne war] Oberfeldwebel bei der Wehrmacht, nie an der Front gewesen, sondern in einem unterirdischen Rüstungsbetrieb im Bergischen. Ist dann in Zivil zurückgekommen, hat viel Wissen mitgebracht und eine zierliche, junge Frau aus Remscheid. Den alten Citroën aus Vorkriegstagen, versteckt in einer Strohmiete, hat er aufgemöbelt und mit einem Holzvergaser ausgestattet, schräg in den Kofferraum gestellt. …
August, der wieder mal zum Gabelpunkt rüber gegangen ist und sich die neueste Errungenschaft ansehen will, wird von Tönne gefragt: „Wetten, dass die Karre läuft – sogar mit Pappelholz?“ Der Motor tuckert, ruckelt, dicker gelber Qualm aus dem Auspuff, Tönne fühlt sich als Erfinder, man sieht es ihm an. Er sitzt noch am Steuer und kommt dem August Pieletzki energisch: „Morgen früh fahren wir nach Coesfeld. Du fährst mit! Im Wehrbezirkskommando, das noch stehen geblieben ist am Rande der zerstörten Stadt, waltet die britisch-deutsche Entnazifizierungsbehörde ihres Amtes. August, einfach mal versuchen, ob du unterkommst im Schuldienst. Ihr könnt nicht ewig im Busch hängen bleiben. Dein Sohn Winfried fährt auch mit!“

Pieletzkis Erinnerungen an die ersten Nachkriegsjahre. buch&media, München 2017. S. 71

Und so kommen Vater und Sohn mit Tönne Ruthmann, Holzvergaser und Tempo 30 nach Coesfeld, zur Osterwicker Straße. Der Entnazifizierungskommission gehören neben zwei britischen Militärs auch Heinrich Hörnemann aus Pröbsting und ein Herr Thier als kommissarischer Schulrat für den Kreis Coesfeld an. Im Ergebnis erhalten beide Pielows, Vater und Sohn, die Erlaubnis der Militärregierung zur Einstellung in den Schuldienst. Vater August Pielow bekommt eine Anstellung in Tungerloh-Capellen, der Sohn Winfried wird als Aushilfe tätig und studiert bald an der Pädagogischen Akademie in Emsdetten und gleichzeitig (!) Germanistik an der Universität in Münster.

Natürlich hat sich der junge Mann auch verliebt. Hildegard Oskamp, Sängerin im Kirchenchor, beschreibt er wiederholt in leuchtenden Farben. Aber er traut sich einerseits nicht, andererseits spielen nach seiner eigenen Einschätzung auch Vernunftgründe eine Rolle: Wie soll er sie als Student versorgen? Ein junger auswärtiger Musiker, der auch schon mal in der Pankratiuskirche die Orgel spielt, Theo Peine, hält schließlich um ihre Hand an. Hildegard heiratet ihn und zieht mit ihm nach Warburg.

Winfried besucht die beiden dort und schreibt:

Hildegard zog mich hin, ein Sog ohnegleichen. Jetzt aber ist sie voll aufgeblüht, weil frisch verheiratet mit Theo, dem Traummann in der nicht minder umschwärmten Traumstadt Warburg. …
Die Ruthmanns waren viel unterwegs … Warburg liegt an der Strecke, ich durfte mitfahren und vermied dumme Fragen, in welcher Art von Geschäften sie unterwegs waren. … Einer von den Ruthmann-Brüdern warf mir, dem Beifahrer, einen skeptischen Blick zu: „Winfried, bist du wirklich studienhalber unterwegs?“ … Tönne, der geschickte Mechaniker … sah mich prüfend an: „Frau im Spiel?“
„Ja“, sagte ich, „leider schon vergeben.“
„Selbst in Schuld, und um wen handelt es sich, wenn ich fragen darf?“
„Um Hildegard Oskamp.“
Tönne runzelt die Stirn um den fast schon kahlen Kopf und stößt ein Pfeifgeräusch aus: „An die bist nicht nur du nicht rangekommen.“

ebenda, S. 176

Hildegard Oskamp wurde ein Jahr früher als Winfried geboren, starb aber bereits 1998, zwanzig Jahre vor ihm. Sie ist auf dem Friedhof in Gescher begraben.

Das Buch ist im regulären Buchhandel erhältlich und kostet 18,90 €.
ISBN 978-3-95780-082-4