Die bleibenden Verdienste der Hauptschule I

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Beitragsfoto: Gescherer Zeitung, Schulentlassung an der Don-Bosco-Schule Gescher

Blick in ein Dokument von 1973

Einleitend ein Zitat

„Die von Kultusminister Fritz Holthoff 1968 durchgeführte Reform der Volksschule war für Nordrhein-Westfalen die bisher einschneidendste bildungspolitische Veränderung der Nachkriegszeit. Die Grundschule und die Hauptschule traten an die Stelle der alten Volksschule. Fünf Jahre nach der Reform gibt Kultusminister Jürgen Girgensohn einen Überblick über die Entwicklung seit 1968. Sein Fazit: ‚Während bei der Grundschule alle Voraussetzungen dafür geschaffen sind, daß sich ihre Qualität in den kommenden Jahren beständig verbessert, ist die Hauptschule ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Wege zur Integration der Sekundarstufe I.‘

Kultusminister Jürgen Girgensohn: Fünf Jahre Grund- und Hauptschule. Dokumente und Meinungen, Heft 6/73. Hrsg.: Presse- und Informationsamt der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. S. 5 (Hervorhebung durch den Autor H. V.)
Foto: Presse- und Informationsamt der Landesregierung NRW

Girgensohn sollte recht behalten. Die Grundschule hatte bald ein Programm mit Richtlinien und Lehrplänen, die im Laufe der Zeit eine kindgemäße Schule strukturierten. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistete Mitte der achtziger Jahre Prof. Wilhelm Wittenbruch, von dem die leitenden Impulse zur Neuformulierung der Richtlinien für die Grundschule stammten. Die Hauptschule hingegen kränkelte früh, und alle Versuche konnten sie letztlich nicht retten. Als Geburtsfehler haftete ihr an, als dritte Schulform, als Schlusslicht der Sekundarstufe I, für die Schüler gedacht zu sein, die weder die Realschule noch das Gymnasium besuchen konnten.

Ziel der Hauptschule bei ihrer Konstruktion 1968

Jürgen Girgensohn schrieb als Ziel in dem bereits zitierten Heft: „Ziel der Reform war es, … in der Hauptschule das Ausbildungsniveau derjenigen Schüler anzuheben, die nicht zu Realschule und Gymnasium übergehen.“

Das „Ausbildungsniveau … anzuheben“ ist als Zielvorgabe einer Schul(re)form zu wenig. Eine allgemeinbildende Schule bildet Schülerinnen und Schüler, die Ausbildung ist ein Teil von Bildung, als Aufgabe überwiegend dem berufsbildenden Schulsystem zuzuordnen.
Die Schüler der Hauptschule als Kinder zu beschreiben, die den Zugang zu Realschule oder Gymnaium nicht geschafft haben, weist dieser Schulform den Katzentisch im Bildungssystem zu.

Broschüre "Fünf Jahre Grund- und Hauptschule" von Kultusminister Girgensohn im Jahre 1973
Cover der Broschüre „Fünf Jahre Grund- und Hauptschule“ von 1973

Charakteristika der neuen Schulform Hauptschule

Girgensohn zählte in der erwähnten Schrift vier Merkmale der Hauptschule auf, die er für wesentlich hielt.

Abschied von der „Zwergschule“

Die weitverbreiteten Landschulen, die oft nur ein- oder zweizügig waren, wurden geschlossen, die Schüler mit dem schlagartig wachsenden Schulbusverkehr zu größeren Systemen gefahren. Die größeren Grundschulen ebenso wie die größeren Hauptschulen wurden von Girgensohn eo ipso als leistungsfähiger beschrieben.

Einerseits trifft es zu, dass hier gewisse Synergieeffekte in Bezug auf Ausstattung mit Lehrmitteln, Einstellung von Fachlehrern und breitere Differenzierungsangebote möglich wurden; andererseits gab es auch Verluste: Die Wege wurden länger, manche Schüler saßen bis zu zwei Stunden (Hin- und Rückfahrt) im Bus. Die Klassen in den größeren Systemen waren oft voller, die soziale Umgebung insgesamt wurde anonymer. Der überschaubare Sozialraum in der Umgebung der Bauernschaft wurde als Bestandteil des Schullebens aufgegeben. Vielleicht wäre ein behutsameres Vorgehen bei der Konzentration der Grundschulen zu Lasten der Wohnungsnähe sinnvoller gewesen.

Reform der Lehrerausbildung

Die Ausbildung der Volksschullehrer hatte eine lange Tradition; sie geschah schon im 19. Jahrhundert zunächst in Präparandien als Vorstufe und anschließenden Lehrerseminaren, später im 20. Jahrhundert in Pädagogischen Akademien (lange Zeit viersemestrig) und zum Schluss (ab1960) in Pädagogischen Hochschulen. 1965 wurden diese durch Landesgesetz zu Wissenschaftlichen Hochschulen erklärt.1980 folgte ihre Integration in die Universitäten. Mit dieser Stufenfolge ging die Entwicklung von einer praxisorientierten Anleitung zu einer Ausbildung mit wissenschaftlichem Anspruch einher; die Pädagogischen Hochschulen erhielten nach1965 sukzessive Promotions- und Habilitationsrecht, bildeten auch Diplom-Pädagogen aus.

Scherzhaft wurden die Volksschullehrer „Zehnkämpfer“ genannt. Sie unterrichten meistens in ihren Klassen den größten Teil der Stunden und damit viele Fächer. Da sie weder in den Inhalten aller Fächer noch in deren Fachdidaktiken gleich gut vorbereitet waren, zeigte sich in den fünfziger und sechziger Jahren eine erste Schwerpunktbildung ab: Die künftigen Lehrerinnen und Lehrer studierten ein Wahlfach, auf jeden Fall Deutsch, Mathematik und Religionslehre, zwei Schwerpunktfächer (jeweils eines aus den „Realien“-Fächern und eins aus den „musischen“ Fächern einschließlich Sport). In den übrigen Fächern musste vor 1965 je ein „Teilnahmeschein“ erworben werden. Diese Konzentration auf weniger Fächer endete mit einem Wahlfach und zwei Schwerpunktfächern. 1974 wurde ein Lehrerausbildungsgesetz verabschiedet, das nicht mehr nach Schulformen, sondern nach Schulstufen ausgerichtet war: Lehrämter für die Primarstufe, die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II traten an die die Stelle der bisherigen Lehrämter für die Volksschule (Grund- und Hauptschule), Realschule, Gymnasium und Berufsschule.

1968 nahmen auch die ersten Bezirksseminare für das Lehramt an Grundschule und Hauptschule ihre Arbeit auf. Damit wurde die zweite Phase, die Vorbereitung auf die Zweite Staatsprüfung, strukturell den anderen Lehrämtern angepasst. Bis 1967 folgte der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Volksschulen eine Fortbildungsphase in Junglehrerarbeitsgemeinschaften. Die Junglehrer waren bereits Beamte auf Probe mit fast voller Unterrichtsverpflichtung (und vollem Gehalt), während die Lehramtsanwärter in den Bezirksseminaren nur zu Beamten auf Widerruf ernannt wurden und in den Ausbildungsschulen nur wenige Stunden unterrichteten. Im Regierungsbezirk Münster waren es zunächst drei Seminare, nämlich in Münster, Gelsenkirchen und Coesfeld. 1977 waren es 17 Seminare, die sukzessive zugunsten anderer Organisationsformen und vor dem Hintergrund eines veränderten Arbeitsmarktes für Lehrkräfte abgebaut wurden.

Sowohl Fachleiter, die die Ausbildung für die jeweiligen Unterrichtsfächer im Seminar durchführten, als auch die Ausbildungslehrer in den Schulen waren Praktiker, deren eigene Ausbildung nicht betont zum Fachlehrer, sondern noch zum „Zehnkämpfer“ erfolgt war. Sie mussten ihre Aufgaben ohne solide Vorbereitung antreten. Für die Ausbildung zum Mathematiklehrer an Grundschulen und Hauptschulen in der Zweiten Phase der Ausbildung habe ich die Situation im Rahmen meiner Dissertation untersucht.

Von der Sackgasse Volksschule zur weiterführenden Schulform Hauptschule

Die Volksschule nannte Girgensohn in seinem Text „Bildungssackgasse“, weil sie mit der Klasse 8, später Klasse 9 endete. Erst mit der Einführung der Hauptschule wurde es möglich, dass qualifizierte Schüler eine zehnte Klasse besuchen konnten – zunächst an der Fachoberschule, kurze Zeit später an der Hauptschule selbst; diese zehnte Klasse endete mit der Fachoberschulreife, dem Realschulabschluss. Damit konnte ein Hauptschüler alle Bildungsabschlüsse ohne Zeitverlust erreichen.

„Die Entscheidung für eine weiterführende Schule nach der Grundschulzeit hat daher viel von ihrer ursprünglichen Endgültigkeit verloren.“

Girgensohn, a. a. O., S. 8

Diese Neuerung war wichtig; sie ermöglichte im Laufe der Zeit vielen Kindern und Jugendlichen den Weg zu allen Abschlüssen im Schulwesen, wenn auch nicht immer ohne Zeitverlust. Oft gab es Nachholbedarf zum Beispiel im Fach Englisch, wenn ein Jugendlicher seine Chance nutzte, mit dem entsprechenden Qualifikationsvermerk in die gymnasiale Oberstufe zu wechseln. Bis etwa 1960 gab es in Nordrhein-Westfalen die Regelung, dass beim Besuch der Realschule wie des Gymnasiums monatliches Schulgeld zu bezahlen war, nur der Besuch der Volksschule war schulgeldfrei. Dass damit viele Kinder aus finanziell schwachen Familien trotz vorhandener Eignung vom Besuch der „höheren“ Schulen ausgeschlossen waren, nahm man hin. 1968, zur Einführung der Hauptschule, war das Schulgeld für die anderen Schulformen abgeschafft, so dass dieses Hemmnis entfallen war. Zu dieser Zeit wechselten – je nach Region unterschiedlich – 70 Prozent eines Schülerjahrgangs und mehr nach der Grundschule in die Hauptschule. Trotz der Durchlässigkeit der Hauptschule in Richtung Fachoberschule und gymnasialer Oberstufe wurde diese Übergangsquote im Verlaufe weniger Jahre immer geringer, bis sie in etlichen Regionen unter 20, in manchen unter 10 Prozent sank.

Anspruchsvollere Lehrpläne

Die knapp gehaltenen Richtlinien samt Lehrplan für die Volksschule wurden durch ausführliche und tatsächlich fachlich anspruchsvollere ersetzt. Die Volksschule war auf „volkstümliche Bildung“ eingestellt, die als „besinnliches Verweilen bei den einfachen Dingen und Geschehnissen des Alltags“ beschrieben wurde; sie sollte dem Volksschüler eine „schlichte Deutung der Welt“ vermitteln und „heimatbezogen“ sein.

„Für eine demokratische Gesellschaft, die auf die kritische Wachheit und Mitwirkung aller Bürger setzt, und für eine Arbeitswelt mit steigenden theoretischen Anforderungen war dieses Bildungsziel unzureichend. Deshalb wurden die Lehrpläne [der Hauptschule] wissenschaftsorientiert gestaltet.“

Girgensohn, a. a. O., S. 8

Die Wissenschaftsorientierung und die Umgestaltung der Ausbildung zum Fachlehrer führten in der Tat zu einer stärkeren Betonung der Bezugswissenschaften in der Ausgestaltung der Lehrpläne der Schulfächer. Man konnte das an den Bezeichnungen für die Fächer ablesen: Aus Rechnen und Raumlehre wurde Mathematik, aus Leibeserziehung wurde Sport, aus Naturlehre Physik und Chemie, aus Naturkunde Biologie, um nur einige Beispiele zu nennen.

Fazit

Soweit also die Charakteristika der Hauptschule, die der damalige Kultusminister Girgensohn 1973 als wesentliche Elemente der Schulreform von 1968 sah. Die Ziele der Transformation von der Volksschuloberstufe zur Hauptschule waren damit grob beschrieben.
Was blieb davon?

  • Der Auszug der älteren Schüler aus der „Zwergschule“ in größere Systeme war grundsätzlich ein Gewinn. Vielfältigere Angebote zur Neigungsdifferenzierung (Mofakurse, Modellbau, Fotografie, Schulchor oder -orchester …), Fachlehrer mit stärkerer fach- und fachdidaktischer Aus- und Fortbildung, Ausstattungen in Fachräumen, die das Budget oder die Raumressourcen kleiner Schulen nicht hergaben, boten größere Schulen in den folgenden Jahren an. Allerdings: Man musste auch lernen, dass Mammutsysteme ihre negativen Seiten hatten. Systeme wie die Hauptschulen in Ennigerloh, Ahaus und Gescher mit über tausend Schülern stießen an ihre Grenzen.
  • Fachlehrer, die in Mangelfächern wie Musik oder später Religionslehre in etlichen Klassen eingesetzt wurden, hatten Probleme mit der Vielzahl der von ihnen unterrichteten Schüler. Und die Schüler hatten auch einen größeren Wechsel an Lehrern innerhalb einer Woche zu verkraften. Die in der Volksschuloberstufe mögliche intensive Beziehung zwischen (Klassen-)Lehrern und Schülern war deutlich erschwert. Damit wenigstens ein Minimum an Absprachen über Regeln, Disziplin, Arbeitsformen, Unterrichtsmethoden und mehr zu erreichen war, stieg die Zahl der notwendigen Dienstbesprechungen und Konferenzen. Mit der Zeit und mit zunehmenden Problemen bemühten die Schulleitungen sich, zumindest in den Klassen 5 und 6 die Zahl der eingesetzten Lehrkräfte zu minimieren, dabei allerdings auch wieder mehr fachfremd erteilten Unterricht in Kauf zu nehmen.
  • Die Verstärkung des Fachaspektes bei der Lehrerausbildung erweiterte die Kompetenz von Lehrkräften in Bezug auf die Bildungsinhalte, auch ihre fachdidaktischen Kenntnisse und Fähigkeiten. Angesichts vielfältiger und komplexer Änderungen in der Gesellschaft, auch in der Arbeitswelt, war dieser Schritt notwendig. Bei sinkenden Übergangsquoten allerdings wurden die Schulen nicht nur kleiner, die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Hauptschüler sank auch. Grund dafür war die Aufnahmepolitik der Realschulen und der Gymnasien, die leistungsstärkere Schüler zunehmend abschöpften. In diesem Zusammenhang entstand der Begriff „Restschule“.
  • Mit dieser Minderung der Leistungsfähigkeit von durchschnittlichen Hauptschülern ging eine Reduktion der Ansprüche einher. Lehrpläne wurden mehrfach neu entworfen: 1968 die wegen ihres blauen Plastikordners „blaues Wunder“ genannten Lehrpläne, 1973 die erste Überarbeitung, ebenfalls wieder als Ringbuch, ab 1978 dann zunehmend Einzelhefte für verschiedene Fächer (zum Beispiel der Lehrplan für Mathematik, der in dieser Zeit von den beiden Professoren Manfred Leppig und Peter Sorger verantwortet wurde – also den beiden Gutachtern meiner Dissertation 1980). 1989 folgte eine völlige Neukonzeption der Richtlinien für die Hauptschulen des Landes, verbunden mit einer fachlichen und fachdidaktischen Aktualisierung der Lehrpläne.
    Außerhalb der Lehrpläne gab es zunehmend Projekte für Schulversager und Schulverweigerer, die deutlich machten, dass die Regelanforderungen für immer mehr Schüler unerreichbar blieben.
    Der ausgeprägte Fachgedanke der Frühzeit der Hauptschule wich zunehmend einer Projektidee, in der Inhalte fächerübergreifend zusammengefasst wurden. Damit war man wieder bei einem didaktischen Konzept angelangt, das die Volksschule unter Gesamtunterricht gefasst hatte.
  • Als wohl wichtigsten Ertrag der Reform von 1968 sehe ich an, dass die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen horizontal und vertikal gestärkt wurde: vertikal die Möglichkeit, während der Schullaufbahn die Schulform nicht nur von „oben“ (Realschule, Gymnasium) nach „unten“ (Hauptschule), sondern auch umgekehrt zu wechseln; horizontal die Möglichkeit, in der 10. Klasse der Hauptschule die Fachoberschulreife mit einem Qualifikationsvermerk zum Besuch der gymnasialen Oberstufe zu erwerben.
    Der Weg zu mehr integrativen Schulformen als Regelschulen war zu diesem Zeitpunkt – 1973 – noch weit. Aber, wie eingangs zitiert, Girgensohn wies ihr mit dem Begriff „Zwischenschritt auf dem Wege zur Integration der Sekundarstufe I“ eine zeitlich begrenzte Rolle zu.