Die bleibenden Verdienste der Hauptschule – II

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Geschlechtergerechtigkeit

Bis 1968 galt in der Volksschule und analog in der Ausbildung der Volksschullehrer eine Trennung der Geschlechter, die heute nicht mehr möglich wäre. Das drückte sich in verschiedenen Feldern aus.

Pausenhof

Auf vielen Schulhöfen, wenn auch nicht auf allen, gab es zwei Felder, eines für die Mädchen, eines für die Jungen. Auf ihnen wurden unterschiedliche Spiele gespielt. Die Jungen bevorzugten Fußball, aber auch Raufereien oder Laufspiele, die Mädchen spielten Völkerball, Hüpf- oder Ballspiele. Die Grenze zwischen Mädchen- und Jungen-Schulhof wurde weitgehend eingehalten. Sich mit dem anderen Geschlecht abzugeben, galt unter den jüngeren Kindern als ehrenrührig. In den höheren Klassen änderte sich diese Haltung.

Fächer

In den Jahrgängen der Volksschule ab Klassenstufe 5 galten für Jungen und Mädchen unterschiedliche Stundentafeln:

Kopie aus einer Veröffentlichung des Kultusministers des Landes Nordrhein-Westfalen - Stand September 1965
Stoffpläne für Volksschulen. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1965. S. 121

Zur Legende: Die Buchstaben a und b ab Klassenstufe 5 geben an, welche Stundenzahl für Kinder galt, die Englisch lernten (a), oder eben nicht (b). Die Erlasse zu Richtlinien und Lehrplänen („Stoffpläne“ hießen die damals) waren von 1955 und 1959. Diese hier abgebildeten Tafeln geben den Stand von September 1965, also wenige Jahre vor der Einführung von Grundschule und Hauptschule wieder.

Wie man unschwer erkennen kann, werden die Mädchen ab Klasse 2 in „Nadelarbeit“ und in den Klassen 7 und 8 in „Hauswirtschaft“ unterrichtet. In der 2. Klasse kompensieren die Jungen dieses Defizit mit zwei zusätzlichen Stunden „Gesamtunterricht“. In der achten Klasse haben die Jungen zwei Stunden mehr „Lebenspraktischen Unterricht“ und ab Klasse 6 fünf Stunden „Rechnen und Raumlehre“, damit eine Stunde mehr als die Mädchen. („Gesamtunterricht“ ist ein fächerübergreifender Unterricht – ein Begriff, der als Gegenpol zum „Fachunterricht“ in der Allgemeinen Didaktik eine Rolle spielt, „Lebenspraktischer Unterricht“ ist ähnlich fächerübergreifend, als Themen behandelt er Alltagsfragen, z. B. „gutes“ Benehmen. Anklänge an den Begriff des Projektunterrichts werden in beiden Fällen erkennbar.)
Weitere Unterschiede mögen meine Leserinnen und Leser selbst finden.

Nicht nur, weil die verschiedenen Stundentafeln im Stundenplan besser zu organisieren waren, wenn man Mädchen und Jungen in getrennten Klassen unterrichtete, auch weil man in der Vorpubertät und in der Pubertät die Geschlechter trennen wollte, wurden in größeren Schulen in Klasse sieben oder acht Mädchen und Jungen in verschiedenen Klassen unterrichtet.

Lehrerausbildung

Auch die Ausbildung der Volksschullehrerinnen und -lehrer spiegelte die verschiedenen Rollenbilder wider.
In Englisch, Hauswirtschaft, Nadelarbeit und Werken konnten zusätzliche Lehrbefähigungen erworben werden; im Übrigen ging man davon aus, dass das Studium zum Unterricht in allen Fächern der Volksschule befähigte. Zu den erwähnten Zusatzprüfungen waren allerdings nicht in jedem Fall beide Geschlechter zugelassen; das war nur in Englisch und Werken der Fall. In Hauswirtschaft und Nadelarbeit waren nur Lehrerinnen zugelassen.

Hier sei aus der Ordnung über die Zusatzprüfung in Englisch für Lehrer und Lehrerinnen an Volksschulen eine Seite abgebildet:

Prüfungsordnung und Studienordnung an den Pädagogischen Hochschulen des Landes Nordrhein-.Westfalen mit erläuternden Erlassen, 4. Auflage. A. Henn Verlag Ratingen 1962.

Wie gesagt: Die Zusatzprüfungen für Englisch und Werken konnten Lehrer und Lehrinnen ablegen, die Zusatzprüfungen für Nadelarbeit und Hauswirtschaft ausschließlich Lehrerinnen. Hierfür das Beispiel Hauswirtschaft:

Prüfungsordnung und Studienordnung an den Pädagogischen Hochschulen des Landes Nordrhein-.Westfalen mit erläuternden Erlassen, 4. Auflage. A. Henn Verlag Ratingen 1962.

Die Studentinnen und Studenten gingen in den frühen 60-er Jahren mit diesem Thema völlig unbefangen um. Wenn man es aus heutiger Sicht betrachtet, hätte eine Klage eines Lehrers auf Gleichberechtigung Erfolg gehabt. Ob das je jemand versucht hat, entzieht sich meiner Kenntnis; an der Pädagogischen Hochschule Münster I (später Teil der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe) habe ich nie davon gehört.

Studentenwohnheime

Unterschiedliche Mieten für Studentinnen und Studenten

In Münster gab es für die (katholische) Pädagogische Hochschule Münster I zwei Studentenwohnheime, das Edith-Stein-Kolleg und das Peter-Wust-Kolleg; ersteres für die Studenten, letzteres für die Studentinnen. Ich wohnte ab dem dritten Semester (Sommer-Semester 1965) im Edith-Stein-Kolleg. Die Miete in diesem Haus war um 10 DM höher als im Peter-Wust-Kolleg. Die Begründung: Die Studentinnen putzten selbst, im Edith-Stein-Kolleg machten das angestellte Putzfrauen.

Besuche

Zunächst galt für beide Häuser, dass Besuche von Vertretern des jeweils anderen Geschlechts nicht erlaubt waren. Im Edith-Stein-Kolleg wohnte der Leiter der Verwaltung des Studentenwerks mit seiner Familie, im Peter-Wust-Kolleg, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag, die Leiterin der Mensa. Sie führten in den Häusern eine gewisse Aufsicht.

Bald aber drängten die Studenten und Studentinnen so sehr auf eine Besuchserlaubnis ohne Einschränkung, dass die Hausordnungen geändert wurden; fortan durften bis zum Abend – aber natürlich nicht über Nacht – Besucher des anderen Geschlechts empfangen werden. Dennoch: Ab und zu hörte man auch nach 22 Uhr leises Kichern und Tuscheln, das nicht nur von Männerstimmen kam.

In der Hauptschule wurde alles anders

Mit den Reformen von 1968 änderte sich Vieles: Mit Verblüffung nahmen Eltern, überhaupt die Öffentlichkeit, zur Kenntnis, dass das Fach Textilgestalten nun für beide Geschlechter verpflichtend unterrichtet wurde, Hauswirtschaft ebenso. An den Gedanken an einen häkelnden oder strickenden Jungen musste man sich gewöhnen. Das Fach Mathematik, das Rechnen und Raumlehre ablöste, wurde für beide Geschlechter im gleichen Umfang unterrichtet, ebenso die Naturwissenschaften Biologie, Physik und Chemie., die früher unter Naturkunde und Naturlehre liefen.

Fazit

Es war die Zeit, in der in Nordrhein-Westfalen die CDU die Führung der Landesregierung den Sozialdemokraten überlassen musste; die FDP wechselte als Koalitionspartner von der CDU zur SPD. Am 8. Dezember 1966 wurde Heinz Kühn (SPD) durch ein konstruktives Misstrauensvotum zum Ministerpräsidenten gewählt, in seinem Kabinett übernahm Fritz Holthoff das Kultusministerium. Dieser machte sich sogleich an die Arbeit und bereitete die bundesweit vereinbarte Teilung der Volksschule in Grundschule und Hauptschule vor.

Dass die Schulhöfe nicht mehr nach Geschlechtern getrennt genutzt wurden, war fortan selbstverständlich.

Ein anderes Verhältnis der Geschlechter zueinander, ein Schritt in Richtung auf Veränderung der starren Rollenzuweisungen an Männer und Frauen, alles das war Teil des neuen Lehrplans. Das Curriculum für beide Geschlechter gleich zu formulieren, keine getrennten Stundentafeln nach Jungen und Mädchen vorzuschreiben, war ein nicht zu unterschätzender Fortschritt in Richtung Gleichberechtigung.

Die Ausbildung der künftigen Lehrer für Grundschulen und Hauptschulen wurde geändert, ein Vorbereitungsdienst wie bei den anderen Schulformen eingeführt. Der Zugang zu allen lehramtsbezogenen Prüfung stand fortan für alle Geschlechter offen.

Die Entwicklung der Gesellschaft und die Entwicklung des Schulwesens bedingen und befruchten einander.