Die Schulreform von 1968 veränderte die Ausbildung der Volksschullehrer fundamental

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Über die Umsetzung der bundesweiten Schulreform des Jahres 1968 in Nordrhein-Westfalen habe ich in diesem Blog einige Beiträge geschrieben, zum Beispiel über die bleibenden Verdienste der Hauptschule I und II. Neben den Veränderungen in der Schulorganisation, der Teilung der Volksschule in eine vierjährige Grundschule und eine fünfjährige Hauptschule, gab es eine Reihe inhaltlicher Neuerungen. In beiden Schulstufen sollte unter anderem die Fachlichkeit eine größere Rolle als bisher spielen, die Hauptschule wurde zur „weiterführenden Schule“ befördert und die Lehrerausbildung den neuen Gegebenheiten angepasst.

In diesem Beitrag geht es um die Einführung des Vorbereitungsdienstes als zweite Ausbildungsphase der Volksschullehrer, wie es ihn bislang nur für angehende Realschullehrer und Studienräte gab. Allerdings – vielleicht dem großen Lehrermangel geschuldet – dauerte für die künftigen Lehrkräfte an Grund- oder Hauptschulen der Vorbereitungsdienst nicht 18, sondern nur 12 Monate. In der Folge blieben die Grund- und Hauptschullehrkräfte auch in der Besoldung hinter den Kollegen in den anderen allgemeinbildenden Schulformen zurück.

Volksschullehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen vor 1968

Bis 1968 gab es eine Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen; danach nahmen die Junglehrer an einer mehrjährigen Fortbildung teil, an deren Ende die Zweite Staatsprüfung stand. Bis 1968 folgte auf die Erste Staatsprüfung gleich die Ernennung zum Beamten oder zur Beamtin auf Probe mit der vollen Unterrichtsverpflichtung als Lehrkraft. Die Fortbildung war parallel zum vollen Umfang der Unterrichtsstunden zu absolvieren.

Wer – wie ich – das Studium an der Pädagogischen Hochschule mit dem Wintersemester 1966/67 beendete, war verpflichtet, in dieser althergebrachten Weise den Dienst aufzunehmen. Anschließend musste man an der Junglehrer-Arbeitsgemeinschaft teilnehmen, die in keiner Weise fachspezifisch organisiert war. Im Januar ging es vielleicht um Erdkunde, im Februar um Rechnen, im März um Rechtschreiben usw. Im damaligen Kreis Coesfeld gab es drei solcher AGs, die von verdienten Rektoren oder Rektorinnen geleitet wurden.

Als ich meinen Dienst in der zweiklassigen Landschule antrat, waren dies die Rektoren Gesmann (Nikolausschule Holtwick), Hampe (Jakobischule Coesfeld) und Marx (Pankratiusschule Gescher). Ich gehörte zur Arbeitsgemeinschaft I von Rektor Gesmann, seine Stellvertreterin war Konrektorin Agnes Ahlers, die ihm bald in der Leitung folgte.

Der Umstand, dass die Junglehrer ganztägig zu den Tagungen ihrer Arbeitsgemeinschaft zusammenkamen, bot für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheiten, sich außerhalb der eigentlichen Veranstaltung – in der Mittagspause, beim Essen usw. – kennenzulernen und informell auszutauschen. Unterricht fiel an diesem Tag aus, musste folglich auch nicht vorbereitet werden. Das war bald der Grund, weshalb die Organisation von einem ganzen Tag auf zwei Nachmittage geändert wurde. Angesichts des ohnehin herrschenden Lehrermangels hatte eine kleine Schule mit mehreren Junglehrern Mühe, diese im Unterricht zu vertreten, wenn sie einmal im Monat ausfielen. Dazu kam die Einsicht, dass Vertretungsunterricht in der Regel selten eine vollwertige Vertretung war (und ist).

Gleichwohl: Die Mitglieder der Junglehrerarbeitsgemeinschaften waren empört. Sie hatten ohnehin viel Arbeit, von einem Halbtagsjob konnte keine Rede sein. Jede einzelne Stunde musste schriftlich vorbereitet sein, einmal pro Woche war ein vollständiger Unterrichtsentwurf anzufertigen, außer der Verlaufsplanung mit Vorüberlegungen versehen, die den Gegenstand, seinen Bildungsgehalt, die Situation und Voraussetzungen der Lerngruppe sowie didaktische Überlegungen allgemeiner wie fachbezogener Art betrafen. Außerdem war regelmäßig ein Wochenplan ebenso wie ein Jahresplan – der sogenannte Stoffverteilungsplan – zu schreiben. All das war bei einer Revision durch den Schulrat vorzulegen, der natürlich ohne Anmeldung plötzlich in der Klasse stand.

In jeder Junglehrer-AG gab es einen Sprecher oder eine Sprecherin; in unserem Fall war das Theo Königshofen, der in der Jakobischule in Coesfeld unterrichtete. Als der Schulrat die Umstellung des Tagungsrhythmusses auf zwei Nachmittage im Monat verkündete, meldete er sich zu Wort und wies auf die übermäßige Belastung der jungen Lehrkräfte hin. – „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – dieser Klassiker war die einzige Antwort des Schulaufsichtsbeamten.

Volksschullehrerausbildung in NRW von 1968 bis 1979

1968 war auch in der Ausbildung der Volksschullehrer – wie die Grund- und Hauptschullehrer auch weiterhin hießen – eine deutliche Zäsur. Mit dem Eintritt in den Vorbereitungsdienst wurden die Lehrkräfte zunächst – wie auch die Referendare in Realschule und Gymnasium – ins Beamtenverhältnis auf Widerruf, nach Ablegen der Zweiten Staatsprüfung und dann folgender Einstellung ins Beamtenverhältnis auf Probe berufen.

Die Absolventen der Pädagogischen Hochschulen des Jahres 1968 hatten die Wahl zwischen Vorbereitungsdienst und Junglehrer-AG. Viele junge Lehrkräfte entschieden sich für die Arbeitsgemeinschaft, denn hier winkte das Beamtenverhältnis auf Probe mit einer ordentlichen Besoldung nach A10, alternativ der Status des Lehramtsanwärters im Beamtenverhältnis auf Widerruf mit einer deutlich geringeren Vergütung, denn der Vorbereitungsdienst war die zweite Phase der Ausbildung, keine Fortbildung mehr.

Diejenigen, die sich 1968 für den Vorbereitungsdienst entschieden, konnten diesen in Coesfeld, Gelsenkirchen oder Münster antreten. Hier gab es die ersten Bezirksseminare für das Lehramt an Grundschulen und Hauptschulen (Volksschulen). Sie waren – wie der Name schon sagt – Einrichtungen der Bezirksregierungen. Der Oberregierungs- und -schulrat Christian Schausten war der zuständige schulfachliche Dezernent. Die Herren Hampe (Coesfeld) und Richter (Gelsenkirchen) sowie Frau Senge (Münster) leisteten als Seminarleitungen von da an Pionierarbeit.

Mehr Fachlichkeit im Unterricht

Erklärtes Ziel der Reform war eine deutlich stärkere Ausrichtung des Unterrichts in Grund- und Hauptschulen an der Fachlichkeit. Die Lehramtsanwärter wurden in zwei Fachseminaren und im Hauptseminar ausgebildet. Anders als in der Junglehrer-AG konzentrierte sich die schulpraktische Ausbildung auf zwei der studierten Fächer – hin zu einem Fachlehrersystem zu Lasten des Klassenlehrersystems. Die Namen der Fächer drückten den stärkeren Bezug zur jeweiligen Wissenschaft aus; es hieß jetzt nicht mehr „Rechnen und Raumlehre“ oder „Naturkunde“, sondern „Mathematik“ und „Biologie“. Auch „Sport“, „Kunst“, „Musik“, „Physik“ und „Chemie“ tauchten nun im Fächerkanon auf, nicht mehr „Leibesübungen“, Zeichnen“, „Singen“ und „Naturlehre“.

Probleme der Umsetzung

Natürlich war das Ziel einer größeren Fachnähe im Unterricht an die Fachlichkeit der Ausbildung gebunden. Und da lag ein großes Problem: Die Lehrkräfte, die die Fachseminare leiteten, die „Fachleiter“, kamen ebenso wie die „Ausbildungslehrer“ in den „Ausbildungsschulen“ aus der vom Klassenlehrersystem geprägten Praxis und aus der darauf ausgerichteten Fortbildung in der Junglehrer-AG. Dieser strukturelle, systemische Mangel ließ sich nicht leicht beheben. Für Ausbildungslehrer gab es meines Wissens keine nennenswerten Fortbildungen, wohl für Fachleiter, aber auch hier in einem eher geringen Umfang. Erst mit der Zeit wuchsen Lehrerinnen und Lehrer in diese Aufgaben hinein, die selbst das neue System in den beiden Phasen der Lehrerausbildung erfahren hatten.

Fachnähe in der Ausbildung der Mathematiklehrer für Grund- und Hauptschulen

Im November 1979 gab ich beim Akademischen Prüfungsamt der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe in Münster meine Dissertation und weitere für das Promotionsverfahren erforderliche Unterlagen ab. Sie widmete sich genau diesem Thema: „Fachnähe in der zweiten Phase der Mathematiklehrerausbildung für Grundschulen und Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen von 1972 bis 1977“.
Den Hauptteil der Dissertation kann man hier lesen.

Die Arbeit besteht aus drei Teilen: Textteil (Hauptteil), Anhang und Dokumentation. Im Anhang, der im veröffentlichen Original enthalten ist, findet man die rechtlichen Regelungen wie Erlasse und Verfügungen, konkrete Dokumente wie Protokolle und Gutachten, Programme von Fortbildungsveranstaltungen für Fachleiter und mehr. Dieser Teil ist hier nicht wiedergegeben. Die Dokumentation befindet sich im Archiv der Universität Duisburg, sie enthält die Quellen, die vom Umfang oder vom Charakter her nicht für die Veröffentlichung in einem Anhang geeignet waren. Die Arbeit wurde mit der Schreibmaschine geschrieben, einer IBM-Kugelkopf.
Den hier einsehbaren Hauptteil habe ich leicht redigiert, Tippfehler korrigiert und die Rechtschreibung in Teilen den Regelungen ab 1996 angepasst.
Diejenigen, die in den siebziger Jahren Lehramtsanwärter waren, sind heute pensioniert. Für diesen Personenkreis ist die Lektüre meiner Arbeit vielleicht ein Anlass, Erinnerungen an die eigene Ausbildung aufzufrischen oder abzugleichen.

Lehrerausbildung in NRW ab 1978 schulstufenbezogen

1978 änderte sich die Organisation der Ausbildung grundsätzlich: In Nordrhein-Westfalen wurden die Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr schulformbezogen (Grund- und Hauptschule, Realschule, Gymnasium) ausgebildet, sondern schulstufenbezogen (Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II). Jede Lehrkraft konnte nun in der Schulstufe ihrer Ausbildung in jeder Schulform unterrichten. Zum Beispiel hatte eine Lehrkraft für die Sekundarstufe I die Berechtigung in den Klassen 1 bis 10 der Gesamtschule, des Gymnasiums, der Realschule und der Hauptschule zu unterrichten.

Die bestehenden Bezirksseminare wurden zu „Ausbildungsgruppen“ eines Gesamtseminars, von denen es in NRW fünf gab – je eines pro Regierungsbezirk. Christian Schausten wechselte von der Bezirksregierung Münster nach Arnsberg und leitete dort das Gesamtseminar dieses Regierungsbezirks. Im Laufe der Jahre wurden etliche Ausbildungsgruppen geschlossen, der Lehrermangel war innerhalb der siebziger Jahre in einen Lehrerüberfluss umgeschlagen. Aber auch die zentralen Gesamtseminare, die für die Lehrerfortbildung und Lehrerausbildung zuständig waren, mussten bald schließen. Sie wurden durch dezentrale Studienseminare abgelöst.

Nach Abschluss des Promotionsverfahrens schlug Professor Dr. Manfred Leppig vor, die in meiner Dissertation erforschten Aspekte in der neuen Organisationsform der Gesamtseminare weiter zu untersuchen und verfasste ein entsprechendes Schreiben an die Leiter der fünf Gesamtseminare. Manfred Leppig war neben Peter Sorger Gutachter meiner Dissertation. Ich stellte eine Arbeitsgruppe zusammen, die verschiedene Schulformen abdeckte, und wartete auf das Ergebnis. Die Runde der fünf Gesamtseminarleiter befasste sich mit Leppigs Frage, fand sie aber wohl nicht wichtig genug und lehnte weitere Forschungen ab. – Die Arbeitsgruppe löste sich auf – die Gesamtseminare bald darauf auch.