Schulaufsicht in NRW – Geschichte und Geschichten I

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In diesem Beitrag wird die Struktur der Schulaufsicht in NRW kurz vorgestellt. Dem Nachruf eines ehemaligen Schulrates in Warendorf widmen wir ein wenig Aufmerksamkeit und schauen auf die derzeitigen Fehlformen der Schulaufsicht für die verbliebenen Hauptschulen. Am Schluss stehen ein paar Gedanken zu einer Reform.

„Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.“ (Art. 7 Abs. 1 des Grundgesetzes)

Es war einmal …

Als es im Bereich des Regelschulsystems nur Volksschule, Realschule und Gymnasium gab, bildete sich die Wertschätzung nicht nur in den unterschiedlichen Ausbildungen, den Besoldungen der Lehrkräfte und im unterschiedlichen Maß der gesellschaftlichen Anerkennung ab, sondern auch in der Struktur der Schulaufsicht.

  • Die oberste Schulaufsicht in Nordrhein-Westfalen war das Kultusministerium, später wegen der Verwechslungsgefahr mit dem Kulturministerium Schulministerium genannt; sie war für alle Schulen und Schulformen zuständig – und ist es auch noch heute.
  • Darunter gab und gibt es die obere Schulaufsicht, die für Volks- und Realschulen der jeweilige Regierungspräsident ausübte, später Bezirksregierung genannt.
    Noch in meiner Zeit als Junglehrer in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre schrieben wir nicht an die Behörde, sondern an die Person: „Sehr geehrter Herr Regierungspräsident!“ Der Regierungspräsident bekam diese Schreiben selten zu Gesicht, stattdessen antwortete „im Auftrag“ ein Sachbearbeiter. Die Bezeichnung „Bezirksregierung“ wurde erst in den neunziger Jahren eingeführt.
  • Und die untere Schulaufsicht übte in Preußen seit 1919 der Schulrat auf Kreis- oder Stadtebene aus, zuständig für Volksschulen und einige Sonderformen. Der Schulrat hatte seinen Arbeitsplatz in der Regel in oder bei seiner Privatwohnung, eine frühe Form des Home-Office. Er war Beauftragter des Regierungspräsidenten, bis auf wenige Ausnahmen war er Landesbeamter.
  • Schon vor der Schulreform von 1968 wurden in Nordrhein-Westfalen wie in den meisten Bundesländern Schulämter auf Kreisebene errichtet (und in den kreisfreien Städten ebenso). Sie übernahmen von den Schulräten die Aufsicht über Volksschulen und bestimmte Sonderschulen. (Hessen gab als letztes Bundesland den Schulrat im Sinne der preußischen Regelung von 1919 auf.)
    Diese Behörden waren nicht Bestandteil der Kreisverwaltung, sondern Landesbehörden, die kollegial vom Schulrat mit dem jeweiligen Oberkreisdirektor geleitet wurden. Es gab also das Schulamt des Kreises (kommunal) und das Schulamt für den Kreis (Landesbehörde). Analog galt die Regelung für die kreisfreien Städte.
  • Die Gymnasien wurden von zwei Institutionen beaufsichtigt: Zwei sogenannte Schulkollegien, eines in Münster für Westfalen-Lippe, das zweite in Düsseldorf für das Rheinland. Sie waren außerhalb dieses Behördendienstwegs tätig; sie waren zwar seit 1958 den örtlichen Regierungspräsidenten angegliedert, aber erst 1985 in die eigentliche Behörde integriert worden. Das Besondere: Diese Institutionen waren ebenfalls kollegial verfasst und geleitet.
  • Alle Ebenen der Schulaufsicht übten Dienst- und Fachaufsicht aus, d.h. sie waren zuständig für die Arbeits- und Beamtenverhältnisse, für Beförderungen, Disziplinarmaßnahmen, Dienstreisen und weitere Personalangelegenheiten (Dienstaufsicht). Außerdem beurteilten sie im Rahmen der Fachaufsicht die Zweckmäßigkeit des Handelns ihrer Untergebenen – über die Rechtmäßigkeit des Handelns (Rechtsaufsicht) hinaus.

… und nach 1968?

Nach der Teilung der Volksschule in Grund- und Hauptschule 1968 blieben die Schulaufsichtsstrukturen zunächst erhalten. Dann verschwanden die Schulkollegien, wie oben schon beschrieben. Als Schulform außerhalb der Dreigliedrigkeit kam die Gesamtschule als integrative Schulform hinzu, für lange Zeit als Schulversuch. Sie wurde ebenfalls von den Beamten des Regierungspräsidenten beaufsichtigt (obere Schulaufsicht).

Grundschulen und Hauptschulen bildeten laut Landesverfassung immer noch die Volksschule, auch wenn sie sich zunehmend auseinander entwickelten. Sie wurden von den Schulämtern auf Kreis- oder (kreisfreie) Stadtebene als unterer Schulaufsicht betreut. Die Schulaufsichtsbeamten – die Schulräte und Schulrätinnen waren gelernte Volksschullehrer –waren in ihren Aufsichtsbezirken für beide Schulformen und damit auch verschiedene Schulstufen zuständig. Wie der Lebenslauf eines solchen Schulrats aussehen konnte und wie dieser im gesellschaftlichen Umfeld seiner dienstlichen Tätigkeit verwurzelt war, kann man im Nachruf meines Vorgängers im Schulamt für den Kreis Warendorf, Lothar Ester, nachlesen. In seiner aktiven Zeit bestand das Schulräte-Kollegium dort aus drei Männern und einer Frau, die jeweils einen geographisch genau definierten Raum innerhalb des Kreises mit allen Grundschulen und Hauptschulen darin beaufsichtigten.

Mit der Zeit änderte sich das Bild. Die „Zehnkämpfer“ aus der alten Volksschullehrer-Ausbildung starben aus, stattdessen wurden Lehrkräfte zu Schulleitern und zu Schulaufsichtsbeamten ernannt, die für die Primarstufe oder für die Sekundarstufe I ausgebildet waren, dort auch ihre Praxiserfahrungen gesammelt hatten. In einem ersten Schritt wurden in den größeren Schulämtern Mitte der achtziger Jahre Sonderschullehrer als Schulamtsdirektoren berufen, die fortan den Volksschullehrkräften die Aufsicht über die Sonderschulen abnahmen.[1]

… ab 2010: neue Wirklichkeit – alte Strukturen

Die Ausbreitung von Gesamt- und Sekundarschulen verringerte die Zahl der Realschulen und besonders der Hauptschulen enorm. Im Kreis Borken sind es mittlerweile nur drei Hauptschulen, die von gut 30 geblieben sind.

Die verbliebenen Hauptschulen im Kreis Borken

Vor zwanzig Jahren kümmerten sich zwei Schulamtsdirektoren um die große Zahl der Hauptschulen im Kreis Borken; jeder hatte etwa 15 zu beaufsichtigen. Heute ist es einer, der damit nicht ausgelastet ist und daher noch weitere Aufgaben übernimmt.

Schauen wir es uns auf der Website der Bezirksregierung an:

Da hat zum Beispiel ein Schulamtsdirektor („Schulrat“) im Kreis Borken drei Schulen und in der kreisfreien Stadt Bottrop eine zu beaufsichtigen. Dafür hat er zwei Schreibtische und gehört zwei staatlichen Schulämtern an. Bis zum laufenden Schuljahr kamen noch zwei Verbundschulen im Kreis Borken dazu, für die er auch zuständig war, allerdings nicht als Mitglied des Schulamtes für den Kreis Borken, sondern als Mitarbeiter der Bezirksregierung Münster. Das machte nur einen Bruchteil der Aufgaben aus, die vor zehn oder fünfzehn Jahren ein Schulaufsichtsbeamter zu erledigen hatte, heute arbeitet jemand dafür an insgesamt drei Schreibtischen – im Schulamt für den Kreis Borken, im Schulamt für die Stadt Bottrop und in der Bezirksregierung Münster – mit drei verschiedenen E-Mail-Adressen, drei Telefonnummern und drei Dienstanschriften.

Die Dienstaufsicht über Hauptschulen haben die Bezirksregierungen den Schulämtern abgenommen, die Landesregierung nutzt den E-Mail-Verkehr, um die Schulen zu informieren, oft an den Schulämtern vorbei; die Schulen haben damit in vielen Angelegenheiten einen Informationsvorsprung gegenüber denen, die sie beaufsichtigen sollen.

Und nun?

Mein Vorschlag:

  • Die Zuständigkeit für alle Schulen der Sekundarstufe I sollte bei der Bezirksregierung liegen. Im digitalen Zeitalter sind die Kommunikationsmittel so sehr ausgereift, dass die früher üblichen Fahrten, Dienstbesprechungen und ähnliches deutlich reduziert werden könnten. Die geringe Zahl der Hauptschulen rechtfertigt den Stellenaufwand in den Schulämtern nicht mehr.[2]
  • Die Zuständigkeiten sollten geographisch geordnet sein, nicht nach Schulformen. Wer eine Hauptschule beaufsichtigen kann, schafft das auch bei Real- und Sekundarschulen – und umgekehrt, zumal die Ausbildungen gleichrangig und weitgehend deckungsgleich sind.
  • Die Schulen sind im Laufe der Jahre immer selbständiger geworden; viele Aufgaben, die früher von der Schulaufsicht wahrgenommen wurden, stemmt heute die Schulleitung. Die Schulen richten sich auf die spezifischen Aufgaben und Voraussetzungen ihres Umfeldes ein. Diese Entlastung haben etliche Schulaufsichtsbeamte als Machtverlust gesehen und darum nicht begrüßt, um es vorsichtig auszudrücken.[3]

[1] Schulamtsdirektor mit der Besoldungsstufe A15 wurde man, wenn man sich wenigstens vier Jahre als Schulrat – A14 plus Zulage – bewährt hatte. Da die Sonderschulrektoren häufig schon in der Besoldungsgruppe A15 waren, wurden Sie bei der Versetzung in ein Schulamt sofort zu Schulamtsdirektoren ernannt. Das weckte bei den Kolleginnen und Kollegen Neid.

[2] Ich habe erlebt, dass auch in Zeiten von landesweiten Haushaltssperren, in denen (fast) keine Dienstreisen genehmigt wurden, die Schulen gut weiter arbeiteten – und die Schulaufsichtsbeamten viel Muße hatten.

[3] Hinter dem Link verbirgt sich ein Zeitungsartikel, der ein entsprechendes Zitat aus einer Vertreterversammlung der „Konferenz der Schulräte in Deutschland“ (KSD) enthält.